1. Die militärische Übernahme (Von Söldnern zu Herren)
- Integration in die Armee: Ab dem 3./4. Jahrhundert n. Chr. wurden immer mehr germanische Krieger (als Söldner oder foederati) in die römische Armee aufgenommen. Sie kämpften unter eigenen Anführern und nach eigenen Kampfesweisen.
- Übernahme der Macht: Diese germanischen Heerführer erlangten enormen Einfluss. Sie waren es, die im 5. Jahrhundert die eigentliche Macht in den weströmischen Provinzen innehatten. Der Akt von Odoaker, der 476 den letzten Kaiser absetzte, war nur die formale Bestätigung eines bereits vollzogenen Zustands: Die Schlüsselpositionen im Militär und somit in der Politik waren bereits in germanischer Hand.
- Der Kaiser war machtlos, die Generäle waren Germanen: Die letzten weströmischen Kaiser waren oft nur noch Marionetten, deren Schicksal von ihren germanischen Heermeistern (wie Stilicho, der selbst Vandale war) abhing.
2. Die demografische und territoriale Übernahme
- Landnahme: Durch Verträge oder durch Gewalt ließen sich ganze germanische Völker (Westgoten, Franken, Burgunder) auf römischem Territorium nieder. Sie wurden nicht einfach vertrieben, sondern wurden zu Herren des Landes.
- Gründung germanischer Königreiche: Auf dem Boden des Weströmischen Reiches entstanden keine neuen römischen Provinzen, sondern die bereits erwähnten germanischen Nachfolgereiche (Frankenreich, Westgotenreich etc.).
3. Die kulturelle Transformation – Eine wechselseitige Übernahme
Das ist der wichtigste und interessanteste Punkt. Es war keine einfache Zerstörung der römischen Kultur, sondern eine Verschmelzung.
- Die Germanen übernahmen Rom:
- Sprache: In Gallien, Hispanien und Italien übernahmen die germanischen Eroberer allmählich die Volkssprache des Lateinischen, aus der sich Französisch, Spanisch und Italienisch entwickelten. (Eine große Ausnahme ist das Englische, das stark von der angelsächsischen Sprache geprägt wurde).
- Religion: Sie konvertierten vom Heidentum bzw. Arianismus zum katholischen Christentum Roms. Die Kirche, die wichtigste Institution der Spätantike, wurde so zu einem verbindenden Element.
- Recht und Verwaltung: Die germanischen Könige übernahmen römische Verwaltungspraktiken, ließen sich auf Lateinisch beraten und schufen schriftliche Gesetzessammlungen, die römisches und germanisches Recht vermischten (z.B. die Lex Salica der Franken).
- „Das neue Rom“ übernahm die Germanen:
- Das politische Zentrum verlagerte sich von Rom und Italien in den Norden, ins Frankenreich.
- Der militärische Adel war zunehmend germanisch geprägt.
- Neue politische Strukturen wie das Lehnswesen hatten sowohl römische als auch germanische Wurzeln.
Fazit
Über mehrere Jahrhunderte vollzog sich die fast unsichtbare Übernahme der germanischen Krieger vom römischen Reich. Das Römische Reich „starb“ nicht eines plötzlichen Todes, sondern es wandelte sich. Die Germanen waren nicht nur die Zerstörer Roms, sondern auch seine Erben. Sie demontierten nicht einfach den Staat, sondern sie übernahmen nach und nach seine Machtpositionen, sein Land und schließlich auch große Teile seiner Kultur, um daraus etwas Neues zu schaffen: das mittelalterliche Europa.
Karl der Große ist quasi das perfekte Symbol dafür: Ein fränkischer (also germanischer) König, der sich in Rom zum Römischen Kaiser krönen ließ und eine Wiederbelebung der römischen Kultur (Renaissance) betrieb. In ihm vereinigten sich das germanische und das römische Erbe.