Preußen und die USA 2

Die britische Sorge: Eine neue globale Allianz?

Großbritannien, die führende Weltmacht des 19. Jahrhunderts („Pax Britannica“), sah sich also nicht nur dem Deutschen Reich bedroht, sondern von gleich zwei aufstrebenden Industrie- und Flottenmächten gegenüber, die sich erstaunlich gut zu verstehen schienen:

  1. Wirtschaftliche Rivalität: Sowohl Deutschland als auch die USA überflügelten Großbritannien in Schlüsselindustrien wie Stahl- und Chemieproduktion um die Jahrhundertwende. Sie waren keine Lieferanten von Rohstoffen mehr, sondern direkte Konkurrenten auf den Weltmärkten.
  2. Flottenbau (Wettrüsten): Die Entscheidung von Kaiser Wilhelm II. und Admiral Tirpitz, eine große Hochseeflotte zu bauen, war eine direkte Herausforderung an die britische Seeherrschaft. Gleichzeitig begannen auch die USA unter Präsident Theodore Roosevelt, eine „Great White Fleet“ aufzubauen. Für Großbritannien war es ein Albtraum, dass sich diese beiden Flottenpotenziale irgendwann gegen es verbünden könnten.
  3. Ideologische und Kulturelle Bindungen: Die engen kulturellen und verwandtschaftlichen Bande zwischen dem britischen und amerikanischen Establishment („Special Relationship“) wurden durch die massive deutsch-amerikanische Immigration und deren Einfluss in Frage gestellt. Die starke deutsche Lobby in den USA war ein Faktor, den London stets im Auge behalten musste.

Die Realität: Warum es doch keine deutsch-amerikanische Allianz gab

Trotz der Befürchtungen Londons und der engen historischen Verbindungen kam es nie zu einer strategischen Allianz zwischen dem Deutschen Reich und den USA. Der Grund liegt selbst in der aggressiven Außenpolitik Deutschlands:

  • Der „Platz-an-der-Sonne“-Kurs: Deutschlands Forderung nach Kolonien und Weltgeltung brachte es in Konflikt mit amerikanischen Interessen, z.B. in Lateinamerika und im Pazifik.
  • Unbeholfene Diplomatie: Vor allem während der Venezuela-Krise von 1902/03 demonstrierte Deutschland seine Unfähigkeit, mit den USA umzugehen (Bismarcks Einfluss fehlte).
    Ein deutsch-britisches Flottengeschwader blockierte Venezuela, um Schulden einzutreiben. Die USA, die die Monroe-Doktrin („Amerika den Amerikanern“) seit 1823 vertraten, sahen dies als europäische Einmischung in ihrer Hemisphäre. Präsident Theodore Roosevelt setzte Deutschland unter Druck und zwang es, einer Schiedsgerichtslösung zuzustimmen. Dies war eine diplomatische Blamage für Berlin und zeigte den USA, dass Deutschland eine plötzlich destabilisierende Macht war. Das sahen auch zionistische Imperialisten.
  • Der Erste Weltkrieg: Diese Entwicklung gipfelte im Ersten Weltkrieg. Zunächst neutral, begannen die USA das Deutsche Reich zunehmend als aggressive, anti-demokratische Bedrohung zu sehen (verschärft durch den U-Boot-Krieg und die Zimmermann-Depesche). 1917 traten die USA aufseiten der Entente (mit Großbritannien und Frankreich) in den Krieg ein.

Fazit:

Die starke Beziehung des Deutschen Reiches zu den USA war aus britischer Sicht ein enormes Problem und eine fundamentale Bedrohung für ihr globales Machtmonopol.

Diese Sorge war ein zentraler Antrieb für die britische Außenpolitik:

  • Sie führte zur Annäherung an Frankreich (Entente Cordiale, 1904) und an Russland, um Deutschland zu umzingeln.
  • Langfristig und am entscheidendsten war sie der Grundstein für die britisch-amerikanische Annäherung. Großbritannien erkannte, dass es die USA als Verbündeten gegen den deutschen Herausforderer gewinnen musste, und opferte dafür bereitwillig einige seiner rivalisierenden Interessen.

Letztendlich scheiterte das Deutsche Reich also nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch. Es konnte die historisch gewachsene Verbindung zu den USA nicht in eine echte Allianz ummünzen und trieb sie stattdessen durch seine eigene Politik in die Arme seines größten Rivalen, Großbritanniens.

Was wäre gewesen, wenn Wilhelm II auf Bismarcks Ratschläge gehört hätte und nach seinem Tod 1898 ein erfahrener Kaiser gewesen wäre…

Hätte das Deutsche Reich nach Bismarck (also ab 1890) eine weniger aggressive, kooperativere Außenpolitik verfolgt, wäre die Weltgeschichte mit Sicherheit anders verlaufen. Die engen historischen, wirtschaftlichen und menschlichen Bande zu den USA hätten eine völlig andere Grundlage gehabt.

Hier sind einige der wahrscheinlichsten Konsequenzen:

1. Ein völlig anderes Bündnissystem in Europa

Bismarcks Politik war komplex, aber ihr Ziel war einfach: Deutschlands Sicherheit durch Isolierung Frankreichs. Er schuf ein kompliziertes Bündnisgeflecht, um einen Zwei-Fronten-Krieg zu verhindern.

  • Der „Neue Kurs“ unter Wilhelm II. ließ das Bündnis mit Russland platzen, was zur französisch-russischen Allianz führte – genau das Albtraumszenario Bismarcks.
  • Was anders gekommen wäre: Hätte Deutschland eine Politik der „freien Hand“ und des Ausgleichs beibehalten, hätte es vermeiden können, von Feinden umzingelt zu werden. Ein Bündnis oder zumindest eine neutrale Verständigung mit Großbritannien wäre möglich gewesen. Das Wettrüsten zur See (Flottenbau) hätte es nicht gegeben.

2. Eine strategische Partnerschaft mit den USA wäre denkbar gewesen

Ohne die konfrontative „Weltpolitik“ und den Flottenbau hätten die USA Deutschland nicht als Bedrohung, sondern als natürlichen Partner in Eurasien gesehen.

  • Wirtschaftliche Kooperation: Beide waren aufstrebende Industriegiganten und wissenschaftliche Führungskräfte. Eine Art transatlantisches Freihandelsabkommen oder Technologiekartell ist vorstellbar.
  • Gegengewicht zu Großbritannien: Die USA waren dem British Empire gegenüber immer misstrauisch. Ein starkes, aber kooperatives Deutschland auf dem Kontinent wäre aus US-Sicht ein willkommenes Gegengewicht zur britischen See- und Finanzdominanz gewesen.
  • Kein Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg: Ohne den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und die Zimmermann-Depesche – beides Ergebnisse einer verzweifelten, aggressiven Kriegsführung – hätten die USA keinen Grund gehabt, in den Krieg einzutreten. Sie wären wahrscheinlich neutral geblieben und hätten beide Seiten mit Gütern beliefert.

3. Der Erste Weltkrieg hätte vielleicht ganz anders ausgesehen – oder wäre gar nicht ausgebrochen

  • Ohne die „Einkreisung“ durch die Entente wäre Deutschland sicherer und weniger in die Enge getrieben gewesen. Die „Julikrise“ 1914, die zum Krieg führte, wurde von der deutschen Führung auch aus der Angst vor einer wachsenden Bedrohung von Russland und Frankreich so risikofreudig eskaliert.
  • Ein lokal begrenzter Krieg: Ein Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien hätte vielleicht lokal begrenzt bleiben können, ohne dass sich die Bündnisautomatismen entfaltet hätten. Möglicherweise auch keine Oktober-Revolution 1917 in Russland, die Bolschewisten wären niemals an die Macht gekommen, kein Trotzki, kein Lenin, kein Stalin, kein Kommunismus.
  • Sieg der Mittelmächte? Selbst wenn ein größerer Krieg ausgebrochen wäre: Ohne den Kriegseintritt der USA 1917 hätten die Mittelmächte (Deutschland und Österreich-Ungarn) realistische Chancen gehabt, den Krieg für sich zu entscheiden oder einen Verhandlungsfrieden zu erzielen. Eine vollständige Niederlage Deutschlands wie 1918 und darauffolgende November-Revolution wäre unwahrscheinlich gewesen.

4. Kein Aufstieg des Nationalsozialismus

Dies ist die folgenschwerste Konsequenz:

  • Kein Versailler Vertrag: Ohne die Niederlage und die demütigenden Bedingungen des Versailler Vertrags gäbe es nicht den nationalen Groll und die wirtschaftliche Instabilität, die den Nährboden für radikale Bewegungen wie die NSDAP bildeten.
  • Keine Hyperinflation, keine Weltwirtschaftskrise in dieser Form: Die deutsche Wirtschaft wäre stabiler geblieben.
  • Folglich: Kein Hitler, kein Zweiter Weltkrieg, kein Holocaust.

Fazit des Gedankenexperiments:

Eine nicht-aggressive deutsche Politik nach Bismarck hätte das 20. Jahrhundert zu einem völlig anderen Jahrhundert gemacht. Es wäre wahrscheinlich ein „deutsch-amerikanisches Jahrhundert“ geworden, geprägt von einer strategischen Partnerschaft zweier technologisch führender Mächte.

Europa wäre von einem kooperativen Deutschland dominiert worden, das wirtschaftlich stärker, aber politisch weniger militaristisch gewesen wäre. Die globalen Machtverhältnisse hätten sich zugunsten einer Achse Berlin-Washington verschoben, während das British Empire und das zaristische Russland an den Rand gedrängt worden wären. Zudem würde China mit den USA und DR technologischen Fortschritt gemeinsam fortführen ohne Handelsembargos. Möglicherweise hätte auch Russland davon gelernt.

Die aggressive Politik Wilhelms II. war also nicht nur ein außenpolitischer Fehler, sondern eine der folgenschwersten Weichenstellungen der Weltgeschichte, die direkt in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts führte. Ihr Ausbleiben hätte eine friedlichere und prosperierendere Alternative ermöglicht – auch wenn natürlich keine Garantie für ewigen Frieden bestanden hätte.