Multikulti vor den Germanen

Vor den germanischen Völkern lebten verschiedene andere Kulturen und Völker auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, darunter die Kelten und noch früher die Menschen der Jungsteinzeit und Bronzezeit.

Die komplexere und faszinierendere Antwort ist, dass dies ein langer, fließender Prozess war, keine einfache Ablösung. Hier ist eine chronologische Übersicht:

1. Die Frühesten Bewohner: Jäger und Sammler (bis ca. 5.500 v. Chr.)

  • Neandertaler und Homo Sapiens: Während der letzten Eiszeit lebten Neandertaler und später der moderne Mensch (Homo sapiens) als Jäger und Sammler in der Region. Sie hinterließen beeindruckende Zeugnisse wie den Neandertaler (nahe Düsseldorf) oder die Höhle der Löwenmenschen auf der Schwäbischen Alb.
  • Nach der Eiszeit: Als das Klima wärmer wurde, zogen nomadische Jäger- und Sammlergruppen durch die Wälder.

2. Die Revolution: Erste Bauern und die Megalithkulturen (ab ca. 5.500 v. Chr.)

  • Linearbandkeramische Kultur: Die ersten Bauern kamen aus dem Südosten und brachten Ackerbau und Viehzucht mit. Sie rodeten Wälder, bauten feste Häuser und bildeten die ersten dauerhaften Siedlungen.
  • Megalithkulturen: Vor allem in Norddeutschland (z.B. in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein) entstanden beeindruckende Großsteingräber (Hünengräber), die von komplexen Gesellschaften zeugen.

3. Die Bronzezeit: Händler und Eliten (ab ca. 2.000 v. Chr.)

  • Hügelgräberkultur: In dieser Zeit wurden die Toten unter großen Grabhügeln bestattet, oft mit reichen Beigaben aus Bronze, was auf eine zunehmende soziale Hierarchie hindeutet.
  • Urnenfelderkultur: Gegen Ende der Bronzezeit setzte sich die Brandbestattung in Urnen durch. Diese Kultur wird oft als eine der Wurzeln der späteren keltischen und italischen Völker gesehen.

4. Die Zeit vor den Germanen: Die dominierenden Kelten (ab ca. 800 v. Chr.)

  • Hallstatt-Kultur: Diese frühe Eisenzeit-Kultur (benannt nach Hallstatt in Österreich) war in Süddeutschland stark vertreten. Sie ist eindeutig keltisch geprägt. Bedeutende Fürstensitze wie die Heuneburg in Baden-Württemberg bezeugen eine hoch entwickelte Gesellschaft mit Handel bis in den Mittelmeerraum.
  • Latène-Kultur: Die klassische Keltenzeit. Fast das gesamte südliche Deutschland (südlich des Mains) war keltisch besiedelt. Stämme wie die Helvetier (in Südwestdeutschland und der Schweiz) oder die Boier (in Böhmen und Bayern) waren hier beheimatet. Große Oppida (befestigte stadtähnliche Anlagen) wie Manching in Bayern waren wirtschaftliche und politische Zentren.

Der Übergang: Wer waren die „Germanen“?

Ab dem 10. bis 6. Jahrhundert v. Chr. begannen sich im Norden Deutschlands (vor allem in Norddeutschland und Skandinavien) die Kulturen der vorrömischen Eisenzeit (z.B. die Jastorf-Kultur) zu entwickeln, aus denen sich die germanischen Stämme letztlich formten.

Der entscheidende Wendepunkt kam um 100 v. Chr.:
Die germanischen Stämme (wie die Kimbern und Teutonen) begannen, nach Süden zu drängen. Gleichzeitig expandierte das Römische Reich. In der Folge kam es zu einer großen Verschiebung:

  1. Der keltische Einfluss ging stark zurück. Viele keltische Stämme wurden von den Germanen verdrängt, unterworfen oder gingen in ihnen auf.
  2. Der römische Historiker Tacitus beschrieb um 98 n. Chr. in seiner Schrift „Germania“ erstmals systematisch die Völker „jenseits“ des Rheins – die Germanen – und grenzte sie bewusst von den Kelten (Galliern) auf der anderen Seite des Rheins ab.

Zusammenfassung der wichtigsten Völker:

ZeitraumKultur/VölkerRegionBemerkung
bis ~5.500 v. Chr.Jäger & SammlerGanz DeutschlandNeandertaler, dann Homo sapiens
~5.500 – 2.000 v. Chr.Erste Bauern (Bandkeramiker)Ganz DeutschlandSesshaftwerdung, Megalithgräber
~2.000 – 800 v. Chr.Bronzezeit-KulturenGanz DeutschlandHügelgräber, Urnenfelder
~800 – 100 v. Chr.Kelten (Hallstatt-/Latène-Kultur)SüddeutschlandDominante Macht vor den Germanen
~750 v. Chr. – 1 n. Chr.Germanen (Jastorf-Kultur etc.)NorddeutschlandEntwickelten sich im Norden und breiteten sich nach Süden aus

Fazit: Das deutsche Gebiet war lange vor den Germanen ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Die Kelten waren die dominante und kulturell höchstentwickelte Gruppe in Süddeutschland, bevor sie im Zuge der Völkerwanderung und des Vordringens der Germanen aus Rom und dem Norden ihre Vorherrschaft verloren.