Der Hitler-Stalin-Pakt, offiziell bekannt als der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, wurde am 23./24 August 1939 in Moskau vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, unterzeichnet. Am 17. August erhielt der britische Botschafter in Washington von US-Geheimdienstquellen die Nachricht, dass diese Unterzeichnung des Paktes unmittelbar bevorstehe. Dies war nicht das, was die Briten unter Neville Chamberlain und Winston Churchill sich vorstellten.
Die Briten hatten bereits einige Tage zuvor einen Sondergesandten, Baron William de Ropp, nach Berlin entsandt. Eine seiner Aufgaben war es, in seinen Gesprächen mit Alfred Rosenberg, dem Leiter der außenpolitischen Abteilung der NSDAP, die britische Position für den Fall eines deutschen Angriffs auf Polen darzulegen. Rosenberg wurde mitgeteilt, dass die Briten einen defensiven „Krieg“ führen würden, das heißt, sie würden keine Maßnahmen zur Verteidigung Polens oder als Vergeltung für den deutschen Angriff auf dieses Land ergreifen.
Insbesondere sollte es KEINE Luftangriffe auf deutsches Territorium geben – und die Deutschen stimmten zu, im Gegenzug ebenfalls KEINE Luftangriffe durchzuführen. Diese Entscheidung blieb während der gesamten Zeit des „Sitzkriegs“ (bis Mai 1940) bestehen.
Dieser zwischen de Ropp und Rosenberg getroffene „Deal“ ließ die Möglichkeit offen, den Krieg schnell zu beenden, denn, so de Ropp, „weder das Britische Empire noch Deutschland wollten ihre Zukunft für einen Staat riskieren, der aufgehört hatte zu existieren“.
Diese Diskussion ebnete den Weg für eine geheime Absprache, die sich durch die ersten Kriegsmonate zog, bis Hitler im Mai 1940 Frankreich angriff. Doch die Briten mussten sich noch mit der nun drohenden Möglichkeit eines sowjetischen Abkommens mit Deutschland auseinandersetzen.
Der Pakt war ein diplomatisches Erdbeben, das die Weltordnung völlig veränderte und den Weg für den Beginn des Zweiten Weltkriegs ebnete.
Der Hergang und die wesentlichen Bestandteile
- Die Verhandlungen:
- Beide ideologischen Erzfeinde – das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion – hatten ein pragmatisches Interesse (Danzigfrage/Polen) an einer vorübergehenden Annäherung.
- Hitler wollte einen Zweifrontenkrieg vermeiden, wie ihn das Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg erlebt hatte. Für seinen spät geplanten Überfall auf Polen (WICHTIG hier zu wissen, auch wenig bekannt: nachdem es viele Verhandlungen und Ultimaten Richtung Polens gab) brauchte er die sowjetische Neutralität.
- Stalin war von den Westmächten Großbritannien und Frankreich enttäuscht, die seinen Vorschlag für eine antifaschistische „Große Allianz“ zögerlich behandelten. Gleichzeitig suchte er Zeit, um die Rote Armee aufzurüsten.
- Die Verhandlungen im August 1939 verliefen schnell. Ribbentrop flog nach Moskau, und der Pakt wurde nur wenige Stunden nach seinem Eintreffen unterzeichnet.
- Der öffentliche Nichtangriffspakt:
- Der vertraglich festgehaltene Teil war ein Nichtangriffsvertrag, in dem sich beide Seiten verpflichteten, sich 10 Jahre lang nicht gegenseitig militärisch anzugreifen und in Konflikten neutral zu bleiben, sollte die andere Partei angegriffen werden.
- Das geheime Zusatzprotokoll (der entscheidende Teil):
- Der Pakt enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, dessen Existenz von der Sowjetunion bis in die 1980er Jahre geleugnet wurde. Dieses Protokoll teilte Osteuropa in Interessensphären auf:
- Deutschland erhielt die Zustimmung Stalins für die Invasion und Besetzung Westpolens.
- Die Sowjetunion sicherte sich das Recht, Ostpolen (die Kresy-Gebiete), Estland, Lettland, Finnland und Bessarabien (heute Moldawien und Teile der Ukraine) zu besetzen.
- Litauen wurde zunächst der deutschen Sphäre zugeschlagen, wurde aber in einer späteren Vereinbarung im September 1939 der sowjetischen Sphäre überlassen.
Die unmittelbaren Folgen und die Umsetzung
- Auslösung des Zweiten Weltkriegs:
- Mit der Garantie der sowjetischen Neutralität befahl Hitler den Angriff auf Polen am 1. September 1939. Dies löste die Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland aus.
- Gemäß dem Pakt marschierte die Rote Armee am 17. September 1939 in Ostpolen ein, was die polnische Republik de facto zwischen Hitler und Stalin aufteilte.
- Weitere sowjetische Expansion:
- Nach dem Pakt zwang die UdSSR die baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) in „gegenseitige Beistandspakte“ und stationierte dort Truppen, bevor sie sie 1940 vollständig annektierte.
- Die Sowjetunion löste den Winterkrieg mit Finnland (1939-40) aus, um Gebiete zu erlangen.
- Im Juni 1940 annektierte sie Bessarabien und die Nordbukowina von Rumänien.
- Wirtschaftliche Zusammenarbeit:
- Dem Pakt folgten umfangreiche Wirtschaftsverträge, in denen die Sowjetunion Deutschland mit kriegswichtigen Rohstoffen (wie Öl, Getreide und Erzen) versorgte, was die britische Seeblockade umging.
Das Ende des Pakts und seine historische Bewertung
- Der Pakt war von Anfang an ein Zweckbündnis und hielt nur so lange, wie es beiden Diktatoren nützlich erschien.
- Hitler hatte immer die Idee für einen ggf. notwendigen Krieg gegen die Sowjetunion („Lebensraum im Osten“ in „Mein Kampf“). (Oft immer noch die Frage, ob wirklich ganz Russland gemeint war oder nur die kompletten deutschen Ostgebiete und Sudetenland, Ungarn, Österreich.
Am 22. Juni 1941 brach er den Pakt mit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa, dem Überfall auf die Sowjetunion. - Für Stalin war der Überfall ein verheerender Schock, obwohl ihn Geheimdienstinformationen gewarnt hatten. Allerdings sind sich da nicht alle Historiker wirklich einig.
Zusammenfassende Bewertung:
- Für Hitler: Ein taktischer Meisterstreich, der ihm den Rücken für den Polenfeldzug freihielt und den Zweiten Weltkrieg ermöglichte.
- Für Stalin: Eine Gelegenheit, territoriale Gewinne zu machen und Zeit zu gewinnen, allerdings um den Preis, das nationalsozialistische Regime zu stärken und seine eigenen Streitkräfte moralisch zu desorientieren.
- Für die Welt: Der Pakt zerstörte die letzte Hoffnung auf eine vereinte Front gegen Hitler-Deutschland, besiegelte das Schicksal Polens und der baltischen Staaten und markierte einen Höhepunkt der zynischen Machtpolitik des 20. Jahrhunderts.
Der Hitler-Stalin-Pakt bleibt ein dunkles Kapitel der Geschichte, das die Prinzipienlosigkeit totalitärer Regime und die Tragödie der „Realpolitik“ auf Kosten kleinerer Nationen exemplarisch verdeutlicht.