Wir kommen nun zu einen zentralen Aspekt der deutschen Geschichte auf – die sogenannte „Deutsche Frage“ im 19. Jahrhundert und die Rivalität zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im deutschen Raum.
Tatsächlich war der Deutsch-Dänische Krieg 1864 der erste von drei Einigungskriegen, die Preußen unter Otto von Bismarck gezielt zur Ausschaltung Österreichs und zur Gründung des Deutschen Reiches unter preußischer Führung nutzte.
Hier eine Aufschlüsselung der Zusammenhänge:
Die Ausgangslage: Preußen vs. Österreich
Seit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 rivalisierten Preußen und Österreich als die beiden größten Mächte im Deutschen Bund (einem lockeren Staatenbund) um die Vorherrschaft in Deutschland.
- Österreich unter Kaiser Franz Joseph war eine multinationale Großmacht, die viele nicht-deutsche Gebiete umfasste (Ungarn, Böhmen, Teile Italiens etc.).
- Preußen unter König Wilhelm I. war eine kompaktere, wirtschaftlich und militärisch dynamischere Macht, die zunehmend nach mehr Einfluss strebte.
Otto von Bismarck, ab 1862 preußischer Ministerpräsident, war der architektonische Meisterstratege hinter der kleindeutschen Lösung (ein Deutschland ohne Österreich). Sein Ziel war es, die deutsche Einigung nicht durch Reden und Parlamentsbeschlüsse, sondern „durch Eisen und Blut“ zu erreichen.
Die Kriege im Detail
1. Der Deutsch-Dänische Krieg (1864)
- Anlass: Ein Streit um die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Der dänische König wollte Schleswig enger an Dänemark binden, was gegen internationale Verträge verstieß.
- Bismarcks Taktik: Bismarck zwang Österreich in ein militärisches Bündnis gegen Dänemark. Das war genial, denn:
- Es wirkte wie ein gemeinsames deutsches Nationalprojekt.
- Es verhinderte, dass Österreich sich auf die Seite Dänemarks stellte.
- Es schuf nach dem siegreichen Krieg ein neues Konfliktpotenzial: Die gemeinsame Verwaltung der eroberten Gebiete durch Preußen und Österreich („Kondominium“) war absichtlich unklar geregelt und wurde zum Zündstoff für den nächsten Krieg.
- Ergebnis: Dänemark verlor. Die Herzogtümer kamen unter die gemeinsame Verwaltung von Preußen (Schleswig) und Österreich (Holstein).
2. Der Deutsche Krieg (Preußisch-Österreichischer Krieg) (1866)
Dies ist der Krieg, in dem Bismarcks Plan vollends aufging.
- Anlass: Der Streit um die Verwaltung von Schleswig und Holstein. Bismarck provozierte Österreich geschickt und nutzte einen österreichischen Antrag im Deutschen Bund, preußische Truppen aus Holstein zu vertreiben, als Kriegsgrund.
- Bismarcks Taktik:
- Diplomatische Isolierung: Er sicherte sich die Neutralität Frankreichs und Russlands und schloss ein Bündnis mit Italien, das Österreich im Süden bedrohte.
- Militärische Überlegenheit: Die preußische Armee war mit ihrem Zündnadelgewehr und einer besseren Mobilmachung technisch und taktisch überlegen.
- Entscheidungsschlacht: Der Sieg in der Schlacht bei Königgrätz (heute Tschechien) war entscheidend.
- Ergebnis: Österreich wurde vernichtend geschlagen.
- Frieden von Prag: Österreich musste sich aus der deutschen Politik zurückziehen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst.
- Folgen: Preußen annektierte mehrere deutsche Staaten, die auf Österreichs Seite gestanden hatten (wie Hannover, Kurhessen, Nassau). Preußen gründete den Norddeutschen Bund unter seiner Führung. Damit war die Teilung Deutschlands in einen preußisch-dominierten Norden und einen süddeutschen Raum, der vorerst unabhängig blieb, vollzogen.
3. Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71)
- Anlass: Die spanische Thronkandidatur eines preußischen Prinzen. Bismarck manipulierte die „Emser Depesche“, eine Meldung über eine Begegnung zwischen dem preußischen König und dem französischen Botschafter, um Frankreich gezielt zu provozieren und zur Kriegserklärung zu bringen.
- Bismarcks Taktik: Frankreich erschien als Aggressor. Dies führte zu einer nationalen Welle der Solidarität in allen deutschen Staaten, die sich nun gemeinsam gegen den äußeren Feind stellten.
- Ergebnis: Der Sieg Preußens und seiner deutschen Verbündeten führte zur:
- Proklamation des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles – ein symbolträchtiger Akt der Demütigung Frankreichs.
- Damit war die kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung vollendet.
Fazit
Bismarck und Preußen führten also zwischen 1864 und 1870/71 gezielt Kriege, um ihre Position gegenüber Österreich zu stärken und schließlich auszuschalten. Jeder Krieg war ein bewusst gesetzter Schritt in einer größeren Strategie:
- 1864: Man zieht gemeinsam gegen Dänemark, um einen Konflikt mit Österreich für die Zukunft zu schaffen.
- 1866: Man besiegt Österreich und verdrängt es aus Deutschland.
- 1870/71: Man nutzt einen äußeren Feind (Frankreich), um die verbliebenen süddeutschen Staaten in das neue Reich zu integrieren.
Diese Kriege veränderten die Machtbalance in Europa fundamental und legten den Grundstein für das Deutsche Reich, das bis 1918 bestand.
Der rasante Aufstieg und Expansion des Deutschen Reiches nach den Bismarck-Kriegen bis 1871 und danach wurde in Europa mit einer Mischung aus Respekt, Besorgnis und offener Feindschaft betrachtet. Die Reaktionen waren komplex und unterschieden sich von Land zu Land.
1. Frankreich: Erbitterte Feindschaft und Revanchegedanken
Frankreich war der unmittelbare Verlierer der Reichsgründung. Die Art und Weise der Proklamation in Versailles und der Verlust von Elsass-Lothringen schufen einen tiefsitzenden, dauerhaften Nationalkonflikt.
- „Erbfeindschaft“: Die Niederlage von 1870/71 wurde als nationale Demütigung empfunden. Der Begriff „Rache für Sedan“ (Ort der entscheidenden Niederlage) wurde zu einem politischen Schlagwort.
- Außenpolitische Isolierung: Frankreich fühlte sich eingekreist und war fortan auf der Suche nach Bündnispartnern gegen das Deutsche Reich. Dies war die Geburtsstunde der späteren Allianzen im Ersten Weltkrieg.
2. Großbritannien: Wirtschaftliche Sorge und machtpolitischer Argwohn
Anfangs sah Großbritannien das neue Deutschland als nützliches Gegengewicht zu seinen traditionellen Rivalen Frankreich und Russland. Doch diese Haltung kippte rapide:
- Wirtschaftliche Konkurrenz: Die deutsche Industrie wuchs rasant und übertraf die britische in Schlüsselbereichen wie Stahl und Chemie um die Jahrhundertwende. „Made in Germany“ wurde ursprünglich als eine britische Schutzmarke eingeführt, um vor vermeintlich billiger deutscher Kopierware zu warnen – ein Zeichen der Sorge.
- Flottenrüstung: Erst unter Kaiser Wilhelm II. begann Deutschland, eine große Hochseeflotte zu bauen. Für die Seemacht Großbritannien, deren Sicherheit von der Kontrolle der Meere abhing, war dies eine existenzielle Herausforderung. Das Wettrüsten zur See vergiftete die Beziehungen zusehends.
- Weltmachtstreben (Weltpolitik): Deutschlands Forderung nach einem „Platz an der Sonne“ und sein Engagement in Kolonialfragen (z.B. in Marokko und Namibia) brachten es direkt in Konflikt mit britischen Interessen.
3. Österreich-Ungarn: Komplizierte Partnerschaft
Nach der Niederlage von 1866 war Österreich aus Deutschland ausgeschlossen. Die Beziehung war ambivalent:
- Bündnis von oben: 1879 schlossen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn den Zweibund (später Dreibund mit Italien). Dies war ein Bündnis der konservativen Monarchien, um sich gegen liberale und nationale Strömungen sowie gegen Russland abzusichern.
- „Nibelungentreue“: Deutschland wurde zunehmend zum stärkeren Partner in diesem Bündnis. Österreich-Ungarn, geschwächt durch innere Nationalitätenkonflikte (u.a. Slawen und die spätere Balkankrise und Thema Großserbien, was zum 1.Weltkrieg führte 1914), wurde oft als der „kranke Mann Europas“ betrachtet, an den Deutschland aus Loyalität gebunden war. Diese Abhängigkeit wurde für Berlin zunehmend zur Belastung bis Juli 1914.
4. Russland: Vom Verbündeten zum Rivalen
- Drei-Kaiser-Abkommen: Anfangs gab es noch Bemühungen, das konservative Bündnis mit Russland aufrechtzuerhalten. Nach Bismarcks Einfluss und Tod schwächte sich auch diese Beziehung.
- Bruch: Der wachsende deutsche Einfluss auf dem Balkan (eine russische Interessensphäre) und die wirtschaftliche Rivalität führten zur Entfremdung. Zudem die deutsche Freundschaft mit der Türkei.
- Folge: Russland näherte sich Frankreich an, und 1894 schlossen sie eine militärische Allianz. Damit war Deutschland die gefürchtete Lage der „Einkreisung“ zwischen zwei Großmächten.
5. Die übrige Welt (USA, Japan)
- USA: Betrachteten das Deutsche Reich zunächst als eine europäische Macht unter vielen. Mit dem deutschen Flottenbau und den imperialen Ambitionen wuchs auch hier die Skepsis, insbesondere als Deutschland begann, in Lateinamerika Einfluss zu nehmen (z.B. während der Venezuela-Krise 1902/03), schrittweise Änderungen und Defintion der 1823er-Monroe-Doktrin.
- Japan: Als aufstrebende Macht sah Japan im Deutschen Reich einen Rivalen um Einfluss in China. Die Besetzung der chinesischen Bucht von Kiautschou durch Deutschland 1897 wurde in Tokio genau registriert.
Fazit
Die Kritik und Besorgnis gegenüber dem Deutschen Reich waren also vielfältig und gut begründet:
- Direkte Feindschaft (Frankreich)
- Machtpolitische und wirtschaftliche Rivalität (Großbritannien)
- Geopolitische Konkurrenz (Russland auf dem Balkan)
- Sorge vor der unberechenbaren „Weltpolitik“ unter Wilhelm II.
Die Art und Geschwindigkeit des deutschen Aufstiegs, kombiniert mit einer oft rüden und direkten Außenpolitik („Politik der freien Hand“), schufen ein Klima der Verunsicherung in Europa. Viele Historiker sehen in der Art, wie das Deutsche Reich nach 1871 als „späte Nation“ auf die Weltbühne drängte, eine der tiefen Ursachen für die Katastrophe des Ersten Weltkriegs.